Französisch lernen im Kino oder vor einer DVD

Dies ist eine Einladung, Filme auf Französisch ohne Leistungsdruck zu schauen. Ich bin der Meinung, dass wir den Dialogen viel zu viel Wichtigkeit geben und uns damit die Chance nehmen, effektiver zu lernen.

5. August 2019
Kinosaal

Ein Film ist kein Hörspiel
Ein spannender Austausch beim SprachFrühstück hat mich zu diesem Blogbeitrag inspiriert. Der Auslöser dieses Gesprächs war folgende Bemerkung: „Es ist schwer, französische Filme in der Originalfassung zu gucken […]. Ich kann nicht alle Untertitel vollständig lesen, es geht manchmal viel zu schnell“.
Es stimmt: als Lernende*r glaube ich, auch die Untertitel vollständig lesen zu müssen; zumindest habe ich es vor. Aber das ist nicht immer möglich; es geht tatsächlich viel zu schnell.
Und der Film läuft ja weiter, während ich mit den Untertiteln beschäftigt bin. Ich verpasse Blicke, Gesten, Handlungen und vieles andere, was einen Film ausmacht. Ein bisschen ist es so, als würde ich versuchen, einen Film zu gucken und gleichzeitig ein Buch zu lesen. Bei so einem Stress kann ich weder richtig bei dem einen noch bei dem anderen sein. So kann kein Mensch etwas mit Geist und Lust lernen.

Ein Film besteht aus viel mehr als nur reinen Dialogen
Ein Film erzählt mit bewegten Bildern, mit Musik, mit Geräuschen, Effekten, Räumen, Kostümen etc. Die Schauspieler zaubern vor der Kamera und rufen Gefühle hervor. Die Stimme, die Blicke, die Körperhaltung wirken auf mich. Das alles ist eine eigene Sprache, die ich auch unabhängig von der im Film gesprochenen Fremdsprache verstehe.

Mut zur Lücke!
„Ich verstehe aber nicht alles, ich will nichts verpassen“. Wenn ich mir vornehme, alles zu verstehen, bin ich in einer angespannten Situation. Vielleicht bekomme ich den Eindruck, dass ich wirklich nicht viel verstehe. Damit begebe ich mich in einen defizitären Modus, steige aus dem eigentlichen Lernmodus aus und werde von der Motivation verlassen. Das muss aber nicht sein.
In guten Spielfilmen sind die Schauspieler*innen echte Profis, die bereits mit ihrem Ausdruck, der Körpersprache und ihren Fähigkeiten, Gefühle zu transportieren, die Handlung vermitteln. Es unterstützt mein Hörverstehen, einfach mit dem Film mitzugehen. Damit nehme ich viel mehr mit, auch wenn ich nicht jedes Wort oder jeden Satz verstehe.

Mein Vorschlag
Lehnen Sie sich zurück. Machen es sich bequem. Nehmen Sie sich bewusst vor, die Untertitel nicht zu lesen. Selbst für mich als Muttersprachlerin ist dies eine Herausforderung. Ich verstehe natürlich alles, aber wenn Geschriebenes auftaucht, werde ich immer dazu verleitet, es zu lesen. Die meisten haben das Gefühl, dass sie Geschriebenes lesen müssen, weil es dasteht.
Mein Vorschlag: Blenden Sie die Untertitel aus! Sie werden die Bilder, die Musik, die Stimmen, das Schauspiel umso besser auf sich wirken lassen können. Probieren Sie es einfach mal aus.
Vermutlich gibt es am Ende ein oder zwei Missverständnisse. Na und? Dafür haben Sie aktiv gelernt.Sie haben sich auf den Aufnahmemodus eingestellt, alles wie ein Schwamm in sich aufgesogen und währenddessen die gesprochene Sprache auf sich wirken lassen. Entspannt nehmen Sie wahr, in welchem Kontext bestimmte Floskeln angewendet werden. Sie lernen dadurch, die Sprache im Ganzen zu verstehen, und das ist sehr produktiv. Freuen Sie sich über jedes Wort und jeden Satz, den Sie verstehen, denn das ist das „Futter“ für Ihre Lernmotivation!